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Prosa 2

Der Aufbruch17 Uhr, Feierabend. Monate der Vorfreude liegen hinter mir. Jetzt ab in die Umkleide und nichts wie hin zum Auto. Zu Hause steht alles bereit. Der Rucksack ist gepackt und das Auto startklar.Es geht wie jedes Jahr, wie seit bereits 20 Jahren, in die Berge. Eine Woche Bergtour liegt vor mir. Daheim noch schnell etwas gegessen, geduscht und ab ins Bett. Zur Geisterstunde klingelt der Wecker. Schlafen kann ich eh kaum. Wenigstens eben ruhen. Oh, bin wohl doch noch eingeschlafen. Der Wecker rappelt. Endlich, es geht los. Ich springe aus dem Bett, werfe ein paar Klamotten über und gehe frühstücken. Ja frühstücken, das tue ich immer, auch wenn es jetzt erst halb 1 Uhr nachts ist. Nun noch von den Lieben verabschiedet, den Rucksack in den Kofferraum verfrachtet, die Bergstiefel dazu und ab geht die Post. Jetzt wird noch mein Bergkumpane Denis, mit welchem ich die besagten letzten 20 Jahre in die Alpen fahre, abgeholt und ab auf die Piste. Es ist 1 Uhr 30. In etwa 10 Stunden sind wir am Ziel. Wir wechseln uns beim Fahren ab und machen daher nur kurze Pausen. Um 12 Uhr mittags kommen wir an, parken den Wagen auf einem für Dauerparker vorgesehenen Parkplatz; schließlich kommen wir fünf Tage lang nicht mehr ins Tal zurück. Rein in die Bergmontur und los. Auf fünf Alpenvereinshütten werden wir übernachten. Die erste ist jetzt ca. noch 600 Höhenmeter und 2,5 Stunden von uns entfernt. Es geht mäßig steil bergan. Dies ist ganz angenehm, und wir können uns so etwas akklimatisieren. Wenn nur dieser olle Rucksack nicht wäre. In den ersten zwei Tagen hat man immer das Gefühl, als schleppe man die Goldreserven der Bundesbank durch die Gegend. Gurte, Karabiner, Steigeisen, Helm, Eispickel und Co. fordern eben ihren Tribut. Gott sei Dank ist der Wetterbericht ganz gut, obwohl mir, hätte ich stets auf diesen gehört, so manch gute Tour vermasselt worden wäre. Im Moment ist es noch etwas diesig, aber die Sonne frisst sich langsam durch den Dunst. Durch das ungewohnte, ständige Schauen vor die Füße, wir müssen ja sehen, wo wir hintreten, und den dadurch gebeugten Nacken schmerzt uns anfangs immer selbiger, als würde ein 10 Liter-Eimer Wasser von unseren Köpfen herunter baumeln. Aber das vergeht. Spätestens, wenn der Schmerz durch einen anderen überlagert wird.Noch geht es durch Wald und dann Latschenkiefern bergauf. Es wird wärmer. Nach zahlreichen Serpentinen, in ca. 2000 m Höhe, erreichen wir die Baumgrenze. Der Dunst ist zu Gunsten lockerer Bewölkung verzogen. Wir haben Zeit und steigen nur langsam. Die Hütte ist in Sicht. In etwa 30 Minuten werden wir uns dem dortigen Getränkeangebot widmen.Ankunft auf 2200 m Höhe. Die Hütte ist recht groß. Der Name „Hütte“ passt auch eigentlich in vielen Fällen nicht mehr. Die Bergsteigerunterkünfte sind meist zu Beginn des vorigen Jahrhunderts oder gar zum Ende des vorletzten erbaut worden. Etliche An- und Umbauten haben diese immer weiter vergrößert. Einige recht ursprüngliche Perlen gibt es jedoch heute noch. Das Gebäude, vor welchem wir stehen, ist aber trotz seiner Dimensionen ganz ansehnlich und harmoniert gut mit der Umgebung. Es ist Bergsteigerhochsaison, und so tümmelt sich einiges an Gleichgesinnten hier. Erst einmal legen wir die Goldreserven ab und freuen uns auf eine Hefekaltschale. Das erste Bierchen hole ich. Ich betrete die Hütte, welche auf den ersten Blick etwas steril wirkt. Auf den zweiten Blick allerdings auch. Wie gesagt, das Haus ist groß, und man hat sich auf Masse und weniger auf Klasse eingestellt. Dies soll uns aber nicht stören. Irgendwas ist ja immer! Ich bestelle beim Wirt, der auch prompt liefert. Zurück vor der Hütte. Anstoßen, Prösterchen, auf eine schöne Tour voller unvergesslicher Eindrücke. Erst in einigen Stunden können wir unser Nachtlager beziehen. In einem Matratzenlager kommen wir unter, will heißen, wir nächtigen in einem Raum mit vielen fremden Menschen, Matratze an Matratze. Immer wieder schön. Betten waren hier leider nicht mehr zu haben. Macht nichts!Mit Müsliriegeln überbrücken wir die Stunden bis zum Abendessen. Leberkäse mit Bratkartoffeln und Spiegelei soll es sein. Das kennt man, und das passt immer. Kurz vor dem Essen beziehen wir unsere nächtliche Ruhestätte. Ein großer Raum mit Platz für viele, viele Himmelsstürmer. Für zu viele. Das kann ja wieder ein Konzert werden! Jetzt begeben wir uns zwecks Nahrungsaufnahme in den Gastraum. Da Essen ja bekanntlich DIE Alltagsfreude ist, genießen wir dieses kulinarische Erlebnis. Zur Unterstützung der gesunden Verdauung erklären wir uns bereit, einen Obstler einzunehmen. Noch einmal gehen wir die geplante Route für die kommenden Tage durch und begeben uns einige Weizen und eine Zahnbürste später in unsere „Präsidentensuite“. Die meisten Gäste sind noch in der Wirtsstube und palavern. Es war ein langer Tag. Wir sind vernünftig und machen die Augen zu. Oft habe ich das Problem, dass ich super ein-, aber nicht durchschlafen kann. Warum sollte es diesmal anders sein. Ich wache auf, höre ein Atemgewirr, welches von einem Schnarcher hier und da durchdrungen wird. Ich lege mich auf die linke Seite und sehe in das schwer atmende, etwa stolze 40 cm entfernte Antlitz eines übelriechenden Mittfünfzigers. Schnell überzeugt drehe ich mich auf meine Rechte, wohl wissend, dass ich so nur Denis` Anblick zu ertragen habe. Wie spät mag es wohl sein? Auf jeden Fall ist es gefühlte 5 Uhr. Ein Blick auf den Zeitmesser verschafft mir ernüchternde Gewissheit. Es ist schonungslose 2 Uhr. Das Leben kann so grausam sein. Wahrscheinlich benebelt von den Ausdünstungen der anderen Gesellen komme ich wieder in den Schlaf, wache immer mal wieder auf, aber zwinge mich, nicht ständig auf die Uhr zu schauen. Wie vom Teufel gejagt, springe ich um Punkt 6 Uhr auf. Um mich herum bereits wildes Plastiktütengeraschel. Etwas nervig die Dinger, aber ganz praktisch, um z. B. bereits getragene Unterwäsche von der sauberen zu trennen. Ich drehe mich elegant im Uhrzeigersinn um meine Achse und stehe direkt vor einer, in der oberen Hälfte völlig unbekleideten und offenbar ganz ungenierten jungen Dame. Nicht gerade das Kaliber, von dem man sich abwenden müsste, überhaupt nicht! Jedoch bin ich gut erzogen und vollziehe meine Drehung jetzt etwas widerwillig in die andere Richtung. Davon ausgehend, sie sei in der Annahme, wir sind eine große Familie und alles bleibt in selbiger, verzeihe ich ihr diese kleine Grausamkeit und gehe ebenfalls zum Tütenrascheln über. Eine Ermahnung Richtung Denis und auch dieser schält sich, zwecks Einstimmen in das Raschelkonzert, aus der Koje. Da das Frühstück auf den Hütten oft sehr „übersichtlich“ ist, werfen wir uns lieber unsere Müsliriegel und etwas Studentenfutter ein. Lediglich einen Kaffee genehmigen wir uns hier.Tourentag 1 – Die HochgebirgswanderungSo, der erste Tourentag wartet. Heute zum leichten Einstieg eine zwar anstrengende, aber technisch nicht anspruchsvolle Etappe. Früh ist es, der Himmel schickt uns sein schönstes Blau, und wir haben viel Zeit. Außer einigen Gräsern und kleinerer Blümchen gibt es hier keine Vegetation mehr. Einige kleinere Gletscher sind zu sehen, von welchen einer einen See an seiner Zunge gebildet hat. Eine unbeschreibliche Farbe hat dieses Wasser. Ein Foto und weiter. Zu einem kreuzbestückten Gipfel zweigen wir ab, lassen jedoch unsere Rucksäcke zurück und nehmen lediglich etwas zu trinken mit nach oben. Ist ja nur ein Abstecher von ca. einer Stunde. Uns erwartet ein schöner, einsamer Gipfel. Sehr gut kann man die einzelnen Gesteinsschichten erkennen. Wir genießen den Ausblick und gucken den vorbeiziehenden Schatten hinterher, welche die Wolken auf die umliegenden Berge werfen. Zurück zu den Rucksäcken und dann weiter im Plan. Vor uns liegt nun ein Anstieg von 500 Höhenmetern durch ein sehr steiles Geröllfeld hinauf zu einem Joch. Los geht es, die Atmung den Schritten angepasst. In Kehren geht es stetig aufwärts. Immer steiler. So steil, dass man den Fuß kaum noch anwinkeln kann. Das geht in die Waden. Sehr gut helfen hier die ausziehbaren Wanderstöcke. Mit den Armen drücken wir uns zusätzlich nach oben. Die Augenbrauen können den Schweiß nicht mehr bremsen, welcher nun in die Augen läuft. Immer wieder bleiben wir stehen und trinken kleine Mengen Wasser. Ich versuche, nicht nach oben zu gucken, will nicht sehen, was noch vor uns liegt. Der Anstieg ist eine Sache, die Sonne eine andere. Dennoch, wir gewöhnen uns, und es geht immer besser. Unsere Körper finden sich mit der Tatsache ab, auch in diesem Jahr wieder von uns durch Fels, Schnee und Eis geschleppt zu werden. Auf dem Joch angekommen sehen wir, wie es auf der anderen Seite aussieht. Siehe da, Berge! Wo man hinsieht, Berge! Auf dieser Seite geht es fast ebenso steil bergab. Nun haben die Oberschenkel ganze Arbeit zu leisten. Auch hier helfen die Wanderstöcke und dämpfen die Bergab-Schritte. Am Ende dieses steilen Abstiegs angekommen, geht es über eine lange Strecke ohne nennenswertes Auf und Ab durch extrem steil abfallende Grashänge. Das Problem ist, dass der Boden sehr aufgeweicht und rutschig ist. Muss hier wohl gut geregnet haben. Zu unserer Rechten geht es nur abwärts. Ein falscher Schritt, und man fällt ungebremst, bevor man sich dann einige hundert Meter weiter unten wohl kaum noch wohl fühlt. An nicht wenigen Gedenktafeln verunglückter Wanderer kommen wir vorbei. Immer langsam! Lieber später ankommen als gar nicht! Der Wegabschnitt kommt uns elendig lang vor, und wir sind froh, als wir diesen hinter uns wissen dürfen. Pause! Es gibt Salami mit lecker Konservierungsstoffen und schwitzendem, mittelalten Gouda eines preiswerten, bundesweit vertretenen Lebensmitteldiscounters. Wie man sich doch über im Grunde Ungesundes freuen kann! Wieder folgt ein Anstieg. Diesmal über 550 Höhenmeter durch einen Grashang auf eine Scharte. Es ist steil, aber gut zu gehen. Die meiste Zeit über steigen wir im Schatten. Kein loses Geröll, sondern fester sandiger Boden, der durch den Hang führt. Da, plötzlich vor uns, nur einige Meter entfernt, ein Murmeltier. Es baut sich vor uns auf, schaut kurz und verschwindet dann in einem seiner Löcher. Als wir vorbei gezogen sind, taucht es wieder aus der Unterwelt auf und pfeift uns hinterher. Na ja, wenigstens ein Murmeltier tut dies noch! Weiter geht es und bald stehen wir auf 2750 m Höhe.Lediglich 150 m haben wir abzusteigen, bis wir an unserem Tagesziel, der nächsten Hütte, angekommen sind. Es folgt das Ritual. Rucksäcke ab, Bier holen, hinpflanzen, Schuhe aus. Diesmal hat Denis die Weizen geholt. Die Hütte soll sehr gemütlich sein. Das schau ich mir später an. Erst einmal die Gurgel befeuchten und die Blicke schweifen lassen. Einige Tagesgäste aus dem Tal sind auf der Hütte zu Gast, zu erkennen an kleinen Rucksäcken und fehlender Hochgebirgsausrüstung. Diese verdünnisieren sich aber erfahrungsgemäß am späten Nachmittag wieder zurück Richtung Zivilisation. Wir melden uns beim Hüttenwirt zwecks Nächtigung an. Wieder erhalten wir Lagerschlafplätze und dürfen diese auch gleich beziehen. Das Lager ist schön aufgeteilt. Immer zwei Plätze, dann eine kleine räumliche Trennung. Diese Nacht also kein muffelnder Irgendjemand direkt vor meiner Nase. Wiederum einige Kühle Blonde und einen Teller Spaghetti Bolognese mit Parmesan später liegen wir in der Falle. Es ist erst 20 Uhr, aber wir sind eingangs unserer Touren immer recht müde und wollen für den morgigen Tag fit sein. Schnell gleiten wir ins Land der Träume. Diese Nacht schlafe ich schon fester. Kein Mensch weiß, was in so einem Hirn so vor sich geht, und so träume ich, meinen Arm zu verlieren, unter Umständen, an die ich keine Erinnerung mehr habe. Mehr oder weniger wache ich auf. Im Halbschlaf nehme ich wahr, dass ich überhaupt gar kein Gefühl mehr in meinem rechten Arm habe, sitze kerzengerade auf der Matte und schreie laut, halb schlaftrunken: „MEIN ARM FAULT MIR AB!“ Jetzt bin ich wirklich wach, und mir wird klar, dass ich gerade für super Unterhaltung gesorgt habe. Es ist stockduster. Aus diversen Ecken des Raumes höre ich leises Kichern. Die Blutzufuhr muss ich mir wohl durch falsches Liegen abgeklemmt haben. Schnell lege ich mich wieder hin. Denis kann sich kaum noch einkriegen, beißt sich auf die Lippen. Danke, bis morgen! Der nächste Tag bricht an. Duschen sind hier sogar vorhanden. Mit zwei Euro füttere ich die Büchse an der Wand, und die Brause läuft. Das Wasser ist kalt, eiskalt. So kalt, dass Teilbereiche meines Körpers drohen, sich zu minimieren. Um es auszuhalten, springe ich von Strahl zu Strahl. Wenn irgendwas an mir noch nicht wach war, jetzt schon! Frischer kann man sich kaum fühlen. Durch das eiskalte Bergwasser fühlt sich der gesamte Körper wie elektrisiert an. Als ich wieder im Lager bin, fragt mich Denis, wie es war. Ich sage ihm, es wäre ganz toll gewesen, kläre ihn aber nicht über die empfindlich niedrige Temperatur des Wassers auf. Nun geht er duschen. Als er wiederkehrt, sagt er nur eines: „Gregor, Du Arsch!“ Ich amüsiere mich köstlich.Das übliche Frühstück macht uns bereit für den heutigen Tag. Eine lange Klettersteigroute liegt vor uns. Anstrengend wird es werden, denn wir haben ein ständiges Auf und Ab mit größeren Höhenverlusten auf der einen und enormen Steigungen auf der anderen Seite vor uns. Tourentag 2 – Der KlettersteigGleich hinter der Hütte ein kurzes Wegstück steil bergauf, dann einige Zeit über gut gestuftes Blockwerk, bevor wir nach einem kurzen Blick zurück zur Hütte den Einstieg zum Klettersteig erreichen. An einigen Stellen muss man auf diesem Blockwerk wie eine Gämse von Stein zu Stein hüpfen. Mit etwas Trittsicherheit stellt dies aber kein Problem dar. Etwas Wasser und ein kleiner Snack erfrischen uns nochmals. Nun legen wir unsere Sitzgurte an, in welche wir mit Karabinern ein spezielles Seilsystem einhängen. Dieses ist so konstruiert, dass zwei Seilstücke zur Verfügung stehen, dessen karabinerbestückte Enden mit ausgestreckten Armen bequem erreichbar sein müssen.Zusätzlich setzen wir Helme zum Schutz vor Sturz und Steinschlag auf und ziehen Handschuhe an, um uns nicht an scharfkantigen Felsen oder beschädigten Drahtseilen zu verletzen. Die Kletterei geht los. Noch kommen wir mit unseren bloßen Händen aus. Im zweiten Grad bewegen wir uns aufwärts, d. h., Hände und Füße werden ständig am Fels verlangt. Weiteres Equipment ist jedoch noch nicht erforderlich. Es macht richtig Gaudi. Sonnig ist es. Glücklicherweise steigen wir im Schatten, was ungemein Kräfte schont. Wir haben zwar immer mindestens zwei Liter Wasser am Rucksack, brennt die Sonne aber erbarmungslos auf den Pelz, und es ist weit und breit kein Nachschub spendendes Bächlein zu sehen, kann man sich schon mal fühlen wie in der Wüste. Der Steig führt durch derart zerrissenen Fels, dass wir öfter gezwungen sind, uns dünne zu machen. Ständig schleift der Rucksack am Fels. Die ersten kapitalen Tiefblicke entlohnen uns. Drahtseilsicherungen beginnen, und wir hängen uns mit dem ersten Karabiner ein. An der folgenden Felsverankerung des Drahtseils hänge ich hinter dieser den zweiten Karabiner ein und löse dann erst den ersten vor der Verankerung. So bin ich ständig gesichert. Fast senkrecht geht es nun aufwärts. Jeder Schritt muss mit Bedacht gewählt sein. Wir hängen zwar ständig am Drahtseil, stürzen können wir jedoch dennoch und bis zur letzten Verankerung hinunter sausen. Auch nicht schön und reicht allemal aus, um sich böse zu verletzen. Kein Gräschen ist hier mehr zu sehen. Blanker Fels ist unser ständiger Begleiter. Immer höher geht es, nun über im Fels angebrachte Eisenbügel als Griff- und Tritthilfe. Senkrecht geht es. Wir sprechen kein Wort. Zu hören sind nur unser Atem, Schritte und das Geklicke der Karabiner. Auf 3000 m Höhe halten wir inne. Auf einer kleinen Felsnadel, kaum Platz zum sitzen, machen wir Rast. Unbeschreibliche Tiefblicke zu allen Seiten. Einige, aus der anderen Richtung kommende Bergsteiger quälen sich an uns vorbei. Ein lockerer Gruß, und sie klettern, ebenfalls durch Karabinergeklicke akustisch untermalt, auf unserer Aufstiegsroute ab. Wir nehmen unsere Helme ab, mit denen wir immer aussehen wie Calimero. Sind eben nicht die neuesten Teile, aber zweckmäßig, und auf Modenschau sind wir hier ja eh nicht. Immer wieder ärgern wir uns über die Tatsache, nie den Moment des Kletterns wirklich fotografisch festhalten zu können. Erstens ist es an den schwierigen und eben auch deswegen schönen Stellen gefährlich, mit der Knipse zu hantieren, und zweitens kann man die Eindrücke einfach nicht mit einfangen. Es wird eben geknipst, wo es geht. Nachdem wir uns wieder startklar gemacht haben, geht es so steil wie es hoch ging nun auch wieder runter. Bergab ist das immer schwieriger und verlangt noch mehr Konzentration ab. Bügel und Drahtseile wechseln sich ab. Ein Stück abgeklettert, liegt nun eine fast senkrechte Felswand vor uns, in die lediglich Eisenstifte getrieben wurden, welche etwa 15 cm aus dem Stein ragen. Natürlich geht es, einen Fehltritt vorausgesetzt, im freien Fall in die Tiefe. Die Wand bietet aber genügend Neigung zum Anlehnen und so gehen wir, die Augen voraus, über die besagten Stifte bis ans Ende dieser Wand, bevor es dann wieder straff am Drahtseil abwärts geht. Nachdem wieder einige hundert Höhenmeter eingebüßt sind, bietet der Steig eine Verschnaufpause. Die Karabiner können wir für einen Moment in die Sitzgurte einhängen und folgen einem fast eben verlaufenden Pfad. Nachdem wir bisher auf der Nordseite des Gebirgsstockes, also im Schatten geklettert sind, geht es nun auf der sonnenzugewandten Seite weiter. Und die Sonne brennt. Wir haben einen kleinen, spaltenfreien Gletscher zu queren, benötigen unsere Steigeisen jedoch nicht. Am oberen Ende, also an der Quelle des Gletschers, werfen wir die Köpfe in den Nacken, denn der weitere Wegverlauf erschließt sich uns nun. Wieder haben wir uns einige hundert Meter fast senkrecht in die Höhe zu hieven. Über Leitern, Bügel, Stifte geht es nur noch nach oben. Hin und wieder, wo der Steig halt genug Standfläche bietet, trinken wir kleinere Mengen. Das Wasser wird vor Ende des Tages zur Neige gehen. Einige Zeit vorher, soviel ist sicher. Auf ca. 3000 m haben wir uns nun erneut Richtung Himmel geschraubt. Atemberaubend verläuft der Weg, nun dankbarer weise mal eben, auf Felsbändern. D. h., man geht auf einem etwa 50 cm breiten (mal mehr, mal weniger) Weg. Zur einen Seite, also quasi direkt an der Schulter, hunderte Meter senkrecht aufsteigende und zur anderen Seite, direkt neben dem Fuß, hunderte Meter steil abfallende Felswände. Natürlich immer am Drahtseil gesichert, genießen wir diesen optischen Hochgenuss. Nicht genug können wir von diesem Anblick bekommen, halten immer wieder inne. Stetig geht es nun steil auf und ab, aber jetzt mehr ab als auf. Wir verlieren langsam an Höhe. Uns fällt auf, dass die Grüße der uns entgegenkommenden, schnaufenden Bergsteiger kaum als solche zu vernehmen sind und beschließen, uns einen kleinen Spaß zu erlauben. Ab nun bringen wir nur stammelnde „Grüähs“ und „Sahs“ und anderes Unkraut über die Lippen und beömmeln uns tierisch, da die prustenden Kletterer dennoch dankbar grüßen. Jeder ist eben so mit seinen Ausfallerscheinungen beschäftigt, dass er schon froh ist, überhaupt noch was zurecht stammeln zu können. Unser Wasser ist zur Neige. Hier und dort stecken wir uns etwas Schnee in den Mund, was kurzzeitig hilft. An wenigen Stellen hat die Sonne Erbarmen gezeigt und etwas von dem weißen Teppich übrig gelassen. Immer wenn ich Schnee esse, muss ich an einen Satz, welcher von höherer Bedeutung nicht sein könnte denken: „Junge, iss nie gelben Schnee!“ Wasser ist keines mehr da, Schnee nun eine folternde Weile auch nicht mehr. In der Hoffnung, nun langsam die „rettende“ Hütte sehen zu können, zeigt sich diese hinter der nächsten Felsecke. Etwa 20 Minuten, dann haben wir die Möglichkeit, unseren Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. An unserer nächsten Behausung angekommen, schmeißen wir alles von uns. Die Terrasse wird bewirtschaftet, und so bestellen wir uns erst einmal zur Abwechslung einen halben Liter Cola, welchen wir wie von Sinnen in uns hinein schütten. Das zischt! Gleich ein Radler hinterher und noch eine schöne Flaschengärung. Trotz Helm hat mir die Sonne ganz schön auf den Pelz gebrannt, und so habe ich etwas mit Kopfschmerzen zu kämpfen. Der Durst hat wohl den Rest hierzu beigetragen. Eine in Form gepresste Chemikalie aus dem Blister schafft bald Abhilfe, und so können wir den herrlichen Ausklang dieses bereichernden Tages genießen. Diese Behausung ist aus der Kategorie „ursprünglich und rustikal“. Keine Tagesbesucher, alles seil- und helmbestückte Irre wie wir es sind. Es gibt aber noch immer welche, die noch viel irrer sind, und so sehen wir hoch oben im Fels, als winzig kleine Punkte, Kletterer. Nicht solche Bettnässer wie wir es sind, sondern Freaks, die ihre Haken und was noch alles in die Wand treiben und dort auch noch am Seil hängend eine Nacht verbringen. Jeder nach seiner Fasson. Die Hütte liegt auf einem kleinen, von hoch aufragenden Felsen umgebenen Plateau. Toll auch von innen, viel Holz und authentische Details. Sehr voll, aber gemütlich wird es. Zu unserer Freude konnten wir uns Betten reservieren. Die sind zwar etwas teurer, aber so sind wir für uns und können den morgigen Tag erholt angehen. Wieder haben wir einen langen Klettersteig vor uns, welcher uns über einen lohnenden Gipfel führen wird. Nach einem sehr sättigendem Abendmahl und den obligatorischen Bierchen geht es in die Heia.Tourentag 3 – Die GratwanderungDa es hier keine Duschen gibt, bleiben uns nur die Wasserhähne im Waschraum, welche uns natürlich wiederum mit eiskaltem Wasser ankrähen. Obwohl es nicht empfohlen wird, befüllen wir hier unsere Wasserflaschen. „Kein Trinkwasser!“ heißt es auf den Schildern am Waschbecken, aber Montezumas Rache hat mich deswegen jedenfalls noch nie ereilt. Diesen Morgen sehen wir auf den Frühstücksbrettern der anderen Gäste eine recht ordentliche Brotzeit, und so beschließen wir, hier etwas zu futtern. Ich habe Teebeutel im Gepäck und bestelle mir Teewasser. Das ist aufgekochtes Wasser, welches hier recht günstig zu haben ist. Heute geht es lange Zeit recht flach über leicht zu gehende Pfade bis an den Einstieg zum Klettersteig, der dann auch über den heutigen Gipfel, einen knappen 3000er führt. Gleich am Einstieg geht es steilst und rasch an Höhe gewinnend empor. Und es geht nur empor. Bereits nach kurzer Zeit, nur einige spärlich gesäte Drahtseile und Bügel helfen uns, sehen wir tief unter uns Wanderer, die klein wie Ameisen wirken. Es macht wirklich Spaß. Ein toller Steig. Schön, wieder Luft unter den Sohlen zu haben. Rumpel, klöter, immer wieder hören wir, wie Gestein die Wände hinunterscheppert. Entweder durch Verwitterung, Witterung oder aber durch Bergsteiger losgetreten. Glücklicherweise aber nichts in nächster Nähe. Wahnsinnig schnell erreichen wir den Gipfelgrat, sind heute echt gut drauf. Bevor wir uns auf die wörtlich zu nehmende Gratwanderung begeben, machen wir kurze Rast, dann geht es los. Langsam, ganz langsam bewegen wir uns voran. Dies ist fast ein Tanz auf dem Drahtseil. Den ganzen Aufstieg über waren wir allein, und so sind am Gipfel auch nur zwei Bergsteiger auszumachen, welche uns auch scheinbar fürsorglich beobachten. Am Gipfel angekommen, rasten wir ausgiebig und betreiben mit unseren französischen Beobachtern nur kurze brüchige Konversation. Bald steigen diese auf der anderen Seite des Gipfels ab, die so steil ist, dass ein Ausmachen des Wegverlaufs unmöglich ist. Bereits nach einigen Schritten sind die beiden auch schon verschwunden und nur noch kurz zu hören. Unser Tagesziel können wir bereits von hier ausmachen. Es scheint wirklich noch weit, sehr weit, und so machen auch wir uns an den Abstieg. Es ist wirklich so steil, dass wir uns die ganze Zeit über rückwärts am Drahtseil, die Beine gegen den Berg gestemmt, abwärts bewegen. Nur noch abwärts. Da passiert es! Plong, plong!!! Eine von Denis` Trinkflaschen macht sich selbständig und poltert unter lautem Geschepper talwärts. Verständlicherweise unter ebenso intensivem Gemotze von Denis. Weiter unten finden wir die Blechbuddel auch nicht wieder, welche wohl auch kaum noch brauchbar wäre. Der Abstieg läuft in einer Hochebene aus. Die Karabiner in den Feierabend geschickt, wandern wir nun eben weiter Richtung Hütte und kommen an einem wunderbaren, azurblauen See vorbei. Wissend, auf der Hütte keine Dusche anzutreffen, entkleide ich meinen Oberkörper und schäle mich aus den Bergstiefeln. Eine eisige Wäsche, und es geht mir besser. Denis säubert seinen Kadaver lieber auf der Hütte. Ich bitte Denis, ein Foto von mir vor diesem herrlichen See zu machen und lege mich dazu, oben immer noch unbekleidet, auf einen riesigen Felsbrocken, der im See liegt. Auf Denis` Bemerkung hin, ein Beobachter könne bei diesem Motiv meinen, es handele sich bei uns um ein paar „Hübsche“, entgegne ich, mir gehe gerade das selbe durch den Kopf und mahne ihn zur Eile. Wieder bekleidet, eilen wir zur Behausung für die nächste Nacht. Wir können in dieser wiederum urigen Hütte erneut Betten ergattern und gehen zur Erholung auf die sonnige Terrasse. Mit schlechtem Gewissen jage ich das Hefe den Rachen hinunter, es waren ja nun mal schon einige auf dieser Tour, aber Denis beruhigt mich mit einem Einwand und macht mir als selbst ernannter Sportmediziner klar, wie wichtig die im Weizenbier enthaltenen Elektrolyte unter diesen Umständen für meinen Körper sind. Danke für das Alibi! Wie nach jeder Tour, werde ich sicher wieder einige Kilos mehr auf den Rippen haben. Na, die hungere ich mir auch wieder ab. Die Sonne scheint mir auf den bereits maurerbraunen Nacken. Aah, schön warm! Heute gönne ich mir zur Feier des gelungenen Tages ein kapitales Steak in der gemütlichen Wirtsstube. Draußen zieht es jetzt immer mehr zu. Nebel jagen rasant die Felsen hoch. Wir gehen kurz vor die Tür. Nichts mehr ist zu sehen, und es wird empfindlich kalt. Ratze fatze geht das in den Bergen. Der Luftdruck fällt. Denis und ich lassen uns auch fallen, zurück auf unsere Stühle in der warmen Stube. Rappelvoll ist es jetzt. Der unangenehme, aber hoffentlich nur kurze Wetterumschwung hat auch die härtesten Jungs und Mädels in die Bude getrieben. Alle sind dennoch bester Laune, welche sich mit steigendem Obstler- und Enzianpegel weiter anzuheben scheint. Aus Spaß an der Freud oder aber zur allgemeinen Belustigung spielt der Wirt uns einige Schmankerl auf seiner Zither. Hier passt es her und gefällt auch uns, obwohl wir den Freuden der Obstbrände heute gänzlich zu Gunsten niedrigprozentiger Brauereiwässerchen entsagen. Immer wieder erstaunlich ist, was Bergsteiger sich so zu erzählen haben. Das ist wohl so wie bei Anglern. So, wie sich das an Land ziehen einer kleinen Forelle in einen zweistündigen Todeskampf mit einem Monsterwels verwandelt, mutiert ein bequem erwanderter Gipfel zur Schneehölle in der Todeszone. Morgen liegt, gutes Wetter voraus gesetzt, eine lange Gletschertour vor uns. Da wir einen „dritten Mann“ für uns gewinnen konnten, haben wir die Möglichkeit, eine anspruchsvolle Route zu gehen. Zu zweit wäre eine Seilschaft auf dem Gletscher in vielen Fällen sehr unratsam, da, wenn ein 80-Kilo-Brocken in eine Gletscherspalte stürzt, der zweite hinterher gerissen wird. Da wir nun zu dritt gehen, können wir eine ordentliche Seilschaft bilden. Etwas der Sinne beraubt, kriechen wir zu fortgeschrittener Stunde eine Etage höher in die Betten, während unter uns noch munter gefeiert wird. Gute Nacht!Tourentag 4 – Gletscherroute mit GipfelglückNach einer zwar nicht allzu langen, aber dennoch erholsamen Nacht geht es recht früh raus aus den Federn. Das Frühstück und die Morgentoilette lassen wir hinter uns, riskieren den einen oder anderen, Gewissheit verschaffenden Blick aus den Fenstern, bevor wir uns an das lästige Packen unserer Rucksäcke machen. Die Gletscherutensilien müssen nun leicht zugänglich sein. Ein Schritt vor die Hütte offenbart uns, was wir zuvor schon durch unsere Fensterlukerei festgestellt haben. Ja, das kann einem hier in den Bergen passieren. Auch im Sommer: In der Nacht scheint es ordentlich geschneit zu haben. Ab oberhalb der Hütte hat sich eine weiße Decke auf die Landschaft gelegt. Glücklicherweise haben schon einige Bergsteiger die vor uns liegende Route eingeschlagen, so dass unser Weg gut gespurt ist. Von offenem Wetter kann keine Rede sein, aber es soll noch werden. Große Wolkenherden ziehen bedrohlich mahnend über uns hinweg. Wie schon erwähnt, sind wir nun zu dritt; Karl hat sich zu uns gesellt, und so stapfen wir nun im Trio bergan durch eine Kräfte zerrende Portion Schnee, die an manchen Stellen sehr weich ist und unsere Unterschenkel komplett verschwinden lässt. Da das weiße Zeug nervend in unsere Bergstiefel kriecht, legen wir unsere Gamaschen an, was sofort Abhilfe schafft. An anderen Stellen ist der Schnee wiederum hart und gut begehbar. Die kräftigen Winde der Nacht haben mancherorts leichte Wellen in den Schnee geformt und erinnern so an einen schockerstarrten See in weiß. Kurzweilig ist der Weg, und wir gelangen an die Randmoränen des Gletschers, seine ehemaligen Grenzen. Es lässt sich erahnen, welche Ausmaße der Eisriese einst gehabt haben muss. Wir erreichen den Einstieg zum Gletscher, welcher sich problemlos betreten lässt. Gemeinsam machen wir die Route über den Gletscher aus. Es muss in der Nacht doch nur lokal geschneit haben, und so ist das Eis hier schneefrei. Noch brauchen wir unsere Steigeisen nicht, da wir nur eine leichte Steigung zu bewältigen haben und herausschauende Steine im Eis genügend Grip für unsere Stiefel bieten. Etwas weiter wird das Eis um einiges steiler und baut sich als Wand vor uns auf. Nun benötigen wir unsere Hüftgurte und bilden mit Abständen von 10 Metern unsere Seilschaft. Karl bildet als erster den Kopf der Seilschaft, ich gehe zunächst hinten. Die Steigeisen angelegt geht es, die Zähne der selbigen sich in das ewige Eis bohrend höher. Ganz blank ist hier das Eis, Spalten klein, rar und leicht erkennbar. Spaß macht es, das Wetter spielt noch mit, und wir erreichen stark verändertes Gelände. Der Gletscher wird schnell flacher, aber auch wesentlich schneereicher. Große Spalten tun sich auf, in welche wir in gesundem Abstand auch einige Blicke wagen können. Schwarz, nichts als schwarz. Wer weiß, wie tief die sind. Die Spuren, welche uns eingangs noch die Orientierung erleichterten, sind nun keine Hilfe mehr, da sie schlicht und einfach nicht mehr da sind. Wer auch immer sie hinterließ, hat nicht das selbe Tagesziel wie wir. Immer wieder stimmen wir den Weg durch dieses Spaltenlabyrinth ab. Schön darauf achten, kein Schlappseil zum Vordermann entstehen zu lassen! Im Falle eines Falles muss es straff sein. Plötzlich bleibt Denis stehen. Ich blicke an ihm vorbei und sehe, dass Karl bis zur Hüfte verschwunden ist, welcher sich aber sicher zu sein scheint, es handele sich nur um ein besonders weiches Schneeloch und nicht um eine Spalte. Eifrig versucht er, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, was sich jedoch schwierig gestaltet. Mit den Händen versucht er, sich aus seiner Falle zu drücken, aber auch diese sacken immer wieder ein. Nach Minuten schafft er es schließlich, völlig geschafft. Nachdem Karl wieder zu Atem gekommen ist, geht es weiter. An sicherer Stelle übernehme ich die Spitze der Seilschaft. Langsam geht es weiter, die Augen voraus, ständig links und rechts schauend, ob nicht dunkle Schlunde unseren Weg kreuzen. Bingo! Von links her sehe ich eine breite Gletscherspalte, welche zu uns kommend immer schmaler zu werden scheint, sich vor uns schließt und sich rechts von uns wieder immer weiter auftut. Aber dies scheint eben nur so. Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass lediglich eine tückische Schneedecke die Spalte abdeckt. Genau hier müssen wir drüber. Keine Ausweichmöglichkeit! Ich gebe nach hinten durch, das Seil straff zu halten und bewege mich recht zügig, aber sanft auf die andere Seite. Die anderen beiden kommen auch sicher nach. Puuh!! Nach einem weiteren kurzen, steilen Stück erreichen wir den Gipfelgrat. Die andere Seite des Grates gibt den Blick auf ein wahres Gletschermeer frei. Ein atemberaubend riesiges, recht flaches Gletscherbett, an dessen Rändern sich Gipfel und Bergkämme erheben. Hinter den Kämmen steigen Wolken auf, scheinen langsam über den Fels zu kriechen, bevor sie sich rasch wie ein überkochender Topf mit Wasser in das Eis- und Schneemeer ergießen. Am Rande des Gletscherbettes können wir in reichlicher Entfernung bereits unser nächstes Hüttenziel erkennen. Was für eine herrliche Lage. Märchenhafter kann man keine Nacht verbringen. Zunächst liegt aber noch der geplante Gipfel vor uns. Denis entscheidet sich dafür, auf dem Grat zu verbleiben, und so nehmen Karl und ich den letzten Anstieg in Angriff. Die Seilschaft aufgelöst, lediglich mit Steigeisen und Pickel bewaffnet, geht es sehr steil bergauf. Beunruhigend ist, dass sich nun etwa 100 Meter unter uns ein großes schwarzes Loch auftut, welches uns, sollten wir abrutschen, sicher verschluckt. Die Sonne grinst nun hinab und weicht den Schnee, welcher locker auf dem Eis liegt auf. Dieses Steilstück endlich überwunden geht es, das Gipfelkreuz in Sicht, vorbei an einer riesigen Schneewechte weiter zum höchsten Punkt dieser Tour auf 3600 Metern Höhe. Unvergessliche Bilder! Der Moment wird natürlich wie viele andere auch mit der Digiknipse festgehalten. Zu lange wollen wir Denis jedoch nicht allein ruhen lassen und machen uns auf den Rückweg. Wieder vereint, ist eine gemeinsame Pause unverzichtbar. Nicht satt sehen können wir uns hier, müssen aber natürlich dennoch wieder ans Seil und bewegen uns durch dieses flache Meer aus Schnee und Eis spaltenfrei Richtung Hütte. Die Sonne hat das kühle Weiß nun doch sehr aufgeweicht, und das Gehen wird zum Kraftakt. Genau wie auf dem Wasser ist die Entfernung hier schwer abzuschätzen, und so kommt es uns vor, als käme die Hütte gar nicht näher. Am Rande des Gletschers lösen wir die Seilschaft und gehen über grob gestuften Fels die letzten Meter zur Hütte hinauf. Eine wahre Bergsteigerperle auf 3200 Metern. Die schönstgelegene, auf der ich je gewesen bin, je genächtigt habe. Wahrhaft himmlische Ruhe. Der perfekte Ort. Sinfonie und Balsam für die gestresste Seele. Nur noch eine Handvoll Menschen hier oben. Traumhaft!!AbstiegDas Wetter ist mit uns, und wir können entspannt absteigen. Erneut bilden wir unsere Seilschaft und verlassen wehmütig diesen Ort. Hierher möchte ich zurück. Der Gletscher stellt kein Problem mehr dar. Nur kleine, gut erkennbare Spalten. Lediglich mäßig geht es nun bergab, und je tiefer wir kommen, umso weniger Schnee liegt noch auf dem Eis, bis schließlich keiner mehr da ist. Nachdem wir die Steigeisen angelegt haben, bewegen wir uns auf dem blanken Eis weiter. Immer lauter nehmen wir ein Getöse wahr, können die Quelle des Lärms, welche zweifelsfrei natürlichen Ursprungs ist, zunächst nicht lokalisieren. Lauter und lauter wird es, und dann liegt vor uns ein die riesige Eisfläche durchquerender Gletscherfluss. Die Tauwasser haben sich tief in das Eis gefressen und stürzen zu Tal. Leider nicht nur tief, sondern auch breit. Das Wasser reißt wie in einem Strom, und wir müssen uns anschreien um zu verstehen, was der andere sagt. Lange suchen wir nach einer Stelle, an welcher wir den Sprung wagen können. In dieses frostige Nass zu fallen, wäre zum Abschluss der Tour sicher kein uneingeschränktes Vergnügen. Mit Steigeisen und einem tonnenschweren Rucksack wird selbst ein 150 cm-Sprung zur olympischen Disziplin. Wir mobilisieren nochmals die morschen Knochen und schaffen den Satz auf die andere Seite. Am Rand des Gletschers nehmen wir unsere Eisen ab und betreten den direkt ans Eis angrenzenden, völlig aufgeweichten Boden. Hier muss genau gewählt werden, wo man hin tritt, ansonsten versinken die Stiefel wer weiß wie tief im Matsch. Ich gehe vorsichtig und wähle meine Schritte sorgfältig. Ja, von wegen! „Patsch“, und meine Stiefel versinken bis zur Oberkante im Schmodder. Es sah so fest aus! Mist! Fluchend stampfe ich zurück zum Gletscherfluss und suche eine Stelle, an der ich meine Treter ins Wasser halten kann. High Tech sei Dank, kann ich den ganzen Dreck runter spülen, ohne dass auch nur ein Tropfen eindringt. Diesmal schaffe ich es aber und erreiche ohne „Treibsand“ trockenen, festen Boden. Nach längerem Abstieg halten wir an einer letzten Hütte Brotzeit ab und machen uns dann widerwillig auf den Weg in die Zivilisation. Runter ins Tal, mit dem Bus zum Auto, umziehen und dann ab auf die Piste Richtung Heimat. Damit der Abschluss jedoch nicht zu brutal wird, zelten wir noch eine Nacht im Harz, lassen bei dem ein oder anderen Gebräu die herrliche Woche Revue passieren und denken bereits an unsere Tour im nächsten Jahr.Servus! 2009

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Bergsteigerpotpourrie – Ein Erfahrungsbericht



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